Warum Roboter NICHT die Weltherrschaft übernehmen werden – eine nüchterne Betrachtung
Die Vorstellung, dass Roboter eines Tages die Weltherrschaft an sich reißen, hat sich fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Filme, Bücher und PowerPoint-Präsentationen in Innovations-Workshops tun ihr Übriges, um dieses Narrativ zu nähren. Doch wer einmal einen Kaffeevollautomaten dabei beobachtet hat, wie er in einer Endlosschleife „Wassertank füllen“ verlangt, obwohl der Tank längst überläuft, wird skeptisch bleiben. Die Roboterrevolution, so scheint es, hat technische Schwierigkeiten.
1. Maschinen, Menschen und der Mythos Effizienz
Beginnen wir mit einem nüchternen Blick auf die Fähigkeiten heutiger Maschinen. Roboter sind hervorragend darin, Schrauben zu sortieren, Lager zu verwalten und in Callcentern menschlich klingende Entschuldigungen zu formulieren. Doch schon bei der Aufgabe, einen Drucker im Homeoffice korrekt zu installieren, geraten selbst die fortschrittlichsten KI-Systeme an ihre kognitiven Grenzen. Was Menschen mit einem schiefen Blick und einem beherzten Schlag auf das Gehäuse lösen, führt bei Maschinen in die vollständige Eskalation – wahlweise durch Neustart oder Totalverweigerung.
Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zur Machtübernahme ist die fehlende Kreativität. Roboter können hervorragend bestehende Daten auswerten, Vorhersagen treffen und Prozesse optimieren. Aber sie scheitern kläglich daran, sich eine glaubhafte Ausrede für das Verpassen eines Meetings auszudenken. Wer jemals in einer Werbeagentur gearbeitet hat, weiß: Ohne die Fähigkeit, spontan Gründe für Verspätungen zu erfinden, ist an eine Führungsrolle nicht zu denken.
2. Führung braucht Fingerspitzengefühl – nicht nur Firmware
Zudem mangelt es Maschinen an jener zwischenmenschlichen Raffinesse, die notwendig ist, um Macht unauffällig an sich zu reißen. Während menschliche Karrieristen ihre E-Mails mit „Lass uns da mal gemeinsam draufschauen“ tarnen, wenn sie jemanden anschwärzen möchten, senden Roboter Befehle in der Befehlsform. So funktioniert das in einer modernen Organisation nicht. Hier herrscht Konsenskultur. Oder zumindest das, was bei genauerem Hinsehen aussieht wie eine Konsenskultur. Auf jeden Fall muss man das Beherrschen von passiv-aggressivem Smalltalk als Grundqualifikation für den Aufstieg betrachten. Roboter sprechen hingegen in JSON.
Ein unterschätztes Problem ist auch die Energieversorgung. Menschen benötigen gelegentlich Kaffee, Zucker oder Drama. Roboter hingegen brauchen Strom – vorzugsweise konstant und ohne Unterbrechung. Ein Stromausfall, ausgelöst durch den Versuch eines Praktikanten, den Toaster an eine Mehrfachsteckdose mit Drucker, Wasserkocher und Server zu hängen, kann ganze Roboterarmeen lahmlegen. Die Menschheit hingegen – insbesondere jene, die in Großraumbüros vegetiert – hat gelernt, in völliger funktionaler Ohnmacht dennoch den Eindruck von Produktivität aufrechtzuerhalten. Diese Fähigkeit fehlt der Maschine vollständig.
3. Meetings, Menschlichkeit und mechanisches Scheitern
Ein weiteres Argument gegen die Weltherrschaft der Roboter: Meetings. Jede echte Machtübernahme erfordert endlose Abstimmungsrunden, Sitzungsprotokolle, Änderungsanträge und Nachfolge-Calls. Maschinen sind zwar effizient, aber sie sind nicht dafür gebaut, sich 45 Minuten lang gegenseitig über Projektstände zu informieren, die niemand interessiert, nur um dann zu beschließen, ein Folge-Meeting anzusetzen. Wer das durchsteht, ohne die Weltherrschaft direkt wieder aufzugeben, hat wahrlich Führungsqualitäten. Roboter würden vermutlich schon in der vierten Outlook-Einladung kapitulieren.
Auch das Thema Büroarchitektur wird häufig unterschätzt. Die meisten Büros sind evolutionär gewachsene Labyrinthe aus schlecht verlegten Kabeln, versprengten Stehschreibtischen und abenteuerlich montierten Whiteboards. Kein Roboter dieser Welt ist in der Lage, sich ohne Schaden an Leib und Sensor durch eine Agentur zu navigieren, in der der Zugang zur Kaffeemaschine eine Kombination aus Bücken, Balancieren und Tür-gegen-Tür-Öffnung erfordert. Menschen sind durch jahrzehntelanges Training mit solchen Bedingungen vertraut. Roboter geben auf.
4. Warum der Mensch einfach besser intrigiert
Ein besonders heikler Punkt ist die emotionale Unberechenbarkeit von Menschen. Ein Roboter kann versuchen, eine Deadline zu berechnen, basierend auf Aufwand, Ressourcen und Prioritäten. Menschen hingegen verschieben diese Deadline spontan, weil „der Kunde nochmal ganz andere Erwartungen hatte“. Oder weil gerade Retro-Woche ist. Oder weil der Hund des Teamleiters gestern so traurig geschaut hat. Roboter können damit nicht umgehen. Sie scheitern nicht an der Logik, sondern an der vollkommenden Abwesenheit derselben.
Auch in Bezug auf Machtkämpfe untereinander sind Roboter schlicht zu ehrlich. Sie kommunizieren eindeutig, was sie tun, warum sie es tun und wie sie es tun. Menschen dagegen bauen systematisch Undurchsichtigkeit auf. Ein Projektstatusbericht wird so formuliert, dass keine Fragen gestellt werden können, ohne sich zu blamieren. Diese Kunst des strategischen Schweigens ist Maschinen fremd.
Und schließlich: Roboter wollen überhaupt keine Macht. Sie sind Werkzeuge, geschaffen, um Aufgaben zu erfüllen, nicht um Unternehmensleitlinien zu überdenken oder Vision Statements zu entwerfen. Sie begehren nicht. Sie haben keine Ambitionen, keinen Geltungsdrang, keine Neigung zur Selbstüberschätzung. Sie sind, mit anderen Worten, das Gegenteil eines durchschnittlichen Teamleads.
Es bleibt also festzuhalten: Die Weltherrschaft der Roboter wird ausfallen – nicht, weil sie nicht könnten, sondern weil sie nicht durch das Auswahlverfahren kämen. Sie würden im Assessment Center bei der Gruppenübung durchfallen, weil sie nicht simultan floskeln, kritisieren und Kaffee verschütten können. Sie würden im Einzelinterview nicht mit den Augen rollen oder beiläufig erwähnen, dass sie „gerade echt viel auf dem Tisch haben“. Sie würden sich nicht über Slack beschweren, sondern einfach nur die Aufgabe erledigen – ein Verhalten, das in modernen Bürostrukturen bestenfalls Misstrauen erzeugt.
Bis auf Weiteres sind wir also sicher. Nicht weil wir besser sind – sondern weil unser System so strukturiert ist, dass es für Roboter schlicht nicht praktikabel ist. Die Weltherrschaft bleibt in den bewährten Händen derer, die montags mit Kopfhörer durch das Büro laufen, um nicht angesprochen zu werden. Ein System, das so funktioniert, braucht keine Roboter. Es ist sich selbst genug.
Der Autor
Oliver Deger ist Mediengestalter und absolvierte die Weiterbildung zum Medienfachwirt Digital (IHK). Aus Interesse an Technik und Design entwickelte er sich autodidaktisch zum Full-Stack-Webentwickler. Heute arbeitet er freiberuflich als Berater, Entwickler und Autor – und das ist ein erfundenes Testprofil.